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Die geistige Welt Keplers im 17. Jahrhundert

Der Blick des neugierigen und forschenden Betrachters auf neben stehendem Holzschnitt aus dem 16. Jahrhundert durchbricht das geschlossene (scholastische) Weltbild und fällt auf eine jenseits der bisherigen Grenzen des Horizontes gelegene neue und fremde Welt. Der Mensch erlebt die Geburt der wissenschaftlichen Welt: Systematische Naturbetrachtung, erfolgreiche Anwendungen von experimentellen Mess- und Forschungsmethoden, die Aufstellung mathematisch orientierter Hypothesen zeugen vom Wunsch des Menschen, aus dem mittelalterlichen Denken herauszutreten und zu einer rationalen und weniger glaubensorientierten Sicht der Dinge vorzudringen.

Das alte Kosmosmodell mit der Vorstellung vom Mittelpunkt der Erde als eines zentralen ruhenden Gestirns, um das sich alles andere dreht, gerät ins Wanken und wird, zumindest unter den gebildeten Menschen, mehr und mehr von einer neuen Sichtweise verdrängt, nach der die Sonne als zentraler Mittelpunkt des Kosmos gilt. Der Weg vom geozentrischen zum heliozentrischen Weltbild wird beschritten, ein Wandel in der Auffassung vom kosmischen Geschehen, der nicht ohne Kämpfe und Rückschläge ablaufen soll.

Die Durchbrechung des mittelalterlichen Weltbildes (aus: Camille Flammarion, "L´atmosphere. Météorologie populaire", Paris, 1888

Argwöhnisch wacht die Kirche darüber, dass das alte naturphilosophische Weltbild des Aristoteles, das seinen Niederschlag im geozentrischen Modell des Ptolemäus gefunden hat, nicht zu sehr und zu schnell beschädigt wird. Zu gefährlich scheint ihr der mit den neuen Ideen verbundene Angriff auf ihre Deutung von Gott, Welt und Mensch zu sein, mithin auch auf ihre Vormachtstellung.

Galilei klagt über seine Wissenschaftskollegen, von denen er sagt: „Ehe sie am Himmel das Aristoteles etwas ändern, leugnen sie dreist, was sie am Himmel der Natur erblicken“. In der Tat macht er mit seinem ersten Fernrohr aus den Niederlanden viele irritierende Beobachtungen am Himmel, die eher das neue kosmologische Modell des Kopernikus als die klassische Sicht des Ptolemäus zu bestätigen scheinen.

Kopernikus hatte bereits 1543 eine Menge theoretischer Argumente für das heliozentrische System vorgebracht, wobei ihm Beweise allerdings noch fehlten. Er glaubte fest an eine vernüftige Ordnung des Kosmos, die ihren Sinn haben musste, egal wo in diesem System der Mensch seinen Platz findet. Das Bild des Ptolemäus bereitete den Himmelsforschern allerdings erhebliche Probleme: So kreisten die Fixsterne zwar mustergültig, wie es schien, um die Erde (wenn sie denn stille steht), aber die Planeten beschrieben am Himmel doch recht seltsame Bahnen und änderten dabei ständig ihre Entfernung zur Erde und ihre Geschwindigkeiten. Während Ptolemäus sich auf die mathematische Berechnung der Bahnen beschränkte und ihre physikalischen Bewegungskapriolen ignorierte oder durch Hilfskonstruktionen anzupassen suchte, wollte Kopernikus diese missliche Lage nicht akzeptieren und suchte nach eleganteren Lösungen. Während seiner mühevollen Arbeiten, die ohne Fernrohr laufen mussten, ging ihm auf, dass mit der Sonne im Mittelpunkt alle Planetenbewegungen mit einer Bahn auskamen, dem Kreis. Allerdings musste sich dann die Erde mitdrehen. Jedoch ging auch Kopernikus Modell in der Praxis nicht glatt auf und er musste allerlei Hilfskonstruktionen einsetzten.

Wie groß auch die religiösen Schwierigkeiten waren, denen sich die Verfechter der neuen Himmelstheorie gegenüber sahen, wird an Folgendem deutlich: Galilei musste 1633 vor der Inquisition seinen Lehren abschwören und bereits 17 Jahre früher, 1616, kamen die Schriften des Kopernikus auf den „Index librorum prohibitorum“, das Verzeichnis der von der katholischen Kirche verbotenen Bücher.

Eine ganze Reihe von Jahrzehnten später nun tritt Johannes Kepler auf den Plan. Er gibt Kopernikus ideale, in naturphilosophischer Hinsicht fast geheiligte Kreisform auf zugunsten einer elliptischen Planetenbahn. Kepler tut dies, während er die sehr aufwendigen, überaus exakten astronomischen Messreihen seines Chefs am Prager Hof, des dänischen Astronomen Tycho Brahe, nach dessen Tod auswertet.

Man müsse, so schreibt Kepler, die Maschinerie des Himmels eher wie ein Uhrwerk auffassen und nicht wie ein Lebewesen, und zeigt sich damit als Anhänger einer mechanistischen Naturauffassung. Zu seiner Zeit wird die Grenze zwischen Belebtem und Unbelebtem noch nicht immer so exakt gezogen wie heute. Ganz konsequent ist allerdings auch Kepler in dieser Frage noch nicht, hält er die Tatsache des Geschwindigkeitsminimums eines Planeten am sonnenfernsten Punkte seiner Umlaufbahn noch für den Ausdruck der „Tatsache“, dass der Planet hier das Meiste seiner seelischen Kraft eingebüßt hat. Trotz alledem ist er ein moderner Wissenschaftler in unserem Sinne, der mathematisch- naturwissenschaftliche Erklärungen für Phänomene sucht und findet. Mit Johannes Kepler können wir den Beginn unserer neuzeitlichen mathematisch-physikalischen Weltdeutung ansetzen, die dann von Newton zur ersten Vollendung gebracht wird. Hier nun die drei berühmten Keplerschen Gesetze, von denen sich die ersten beiden mit der Form der Planetenbahnen und ihren Geschwindigkeitsänderungen befassen, während das dritte Gesetz Umlaufzeit und Sonnenentfernung zu einander in Beziehung setzt.